Das passiert, wenn man technologieweise statt technologieoffen ist:
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ENERGIEWENDE · 16. JUNI 2026
J. Montoya / Unsplash
# Spaniens Erneuerbare halten die Strompreise trotz Gaskrise niedrig
Während ein neuer Gaspreisschock Europa trifft, sparen spanische Haushalte zehn Euro im Monat. Wind und Solar haben den Strompreis weitgehend vom Gas entkoppelt. Eine Ember-Analyse zeigt, wie ein konsequenter Ausbau gegen fossile Preisschocks abschirmt.
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VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. Lesezeit LESEN
Spaniens Stromrechnungen sind gesunken, während sie in vielen anderen Ländern seit Ausbruch des Krieges gegen den Iran gestiegen sind. Eine neue Analyse des unabhängigen Energie-Thinktanks Ember kommt zu dem Ergebnis: Seit der faktischen Sperrung der Straße von Hormus im März 2026 vermeidet ein typischer spanischer Haushalt jeden Monat zehn Euro an Stromkosten. Der Grund liegt im jahrelangen Vorlauf beim Ausbau von Wind- und Solarenergie.
Gas ist in den meisten Stunden die teuerste Stromquelle und treibt den Preis nach oben, sobald es zur Stromerzeugung gebraucht wird. In Spanien ist der Einfluss von Gas auf die Strompreisbildung auf neun Prozent der Stunden seit Jahresbeginn 2026 gefallen, nach 52 Prozent im Krisenjahr 2021. Das ist vor allem dem Boom bei Wind und Sonne zu verdanken, deren Erzeugung zwischen 2021 und 2025 um 37 Prozent zulegte.
## Erneuerbare wirken als Schutzschild gegen den Gaspreisschock
Mit dem US-israelischen Krieg gegen den Iran kletterten die europäischen Gaspreise um rund 75 Prozent, der heftigste Schock seit dem russischen Angriff auf die Ukraine. Anfang Juni lagen sie noch etwa 60 Prozent über dem Vorkriegsniveau. Wie stark sich das auf den Strompreis durchschlägt, hängt davon ab, wie oft Gas in einem Land den Preis setzt.
Genau hier liegt der spanische Vorsprung. _„Der Ausbau von Wind und Solar wirkt als Schild gegen die Preiswirkung globaler Instabilität"_ , sagt Chris Rosslowe, Senior Energy Analyst bei Ember und Autor des Berichts. Während die Gaspreise sprängen, hielten die Erneuerbaren die Rechnungen für spanische Haushalte und Unternehmen niedrig.
Der Kontrast zu gasabhängigen Märkten ist deutlich. Im stärker auf Gas angewiesenen Italien lag der Großhandelspreis im März bei 143 Euro je Megawattstunde, dreimal so hoch wie in Spanien mit 42 Euro. Dort, wo Gas den Preis setzte, bestimmte es zuletzt 75 Prozent der Stunden, gegenüber neun Prozent in Spanien. Seit Anfang März 2026 gehören die spanischen Großhandelspreise durchgehend zu den niedrigsten in Europa.
Der Effekt landet direkt auf der Rechnung. Wäre der spanische Strompreis noch so stark an Gas gekoppelt wie 2021, läge die typische Monatsrechnung um zehn Euro oder 19 Prozent höher. Den größten Teil dieser Ersparnis machen vermiedene Großhandelskosten aus: Im März lag der gaspreisgetriebene Anteil des regulierten Tarifs bei 50 Euro je Megawattstunde, unter Bedingungen wie 2021 wären es geschätzt 122 Euro gewesen.
Spaniens Solarausbau hat den Gas-Einfluss auf den Strompreis von 52 auf neun Prozent der Stunden gedrückt. Foto: J. Montoya / Unsplash
## Spaniens Erneuerbare entkoppeln die Strompreise vom Gas
Seit 2019 hat Spanien seine Wind- und Solarkapazität verdoppelt und über 40 Gigawatt zugebaut, mehr als jedes andere EU-Land außer Deutschland, dessen Strommarkt doppelt so groß ist. Im August 2025 kam Spanien gänzlich ohne Kohlestrom aus. Zehn Jahre zuvor hatte Kohle noch ein Viertel der spanischen Stromerzeugung gestellt.
Auch der Blackout vom April 2025, der weite Teile der iberischen Halbinsel lahmlegte, hat die Dynamik nicht gebremst. Ein 472-seitiger Bericht führte den Ausfall auf eine Serie von Spannungsschwankungen zurück, deren Ursachen ENTSO-E aufarbeitete. Zwischen Mai 2025 und Februar 2026 baute Spanien dennoch im Schnitt 1,3 Gigawatt Wind und Solar pro Monat zu, etwas mehr als im Jahr davor.
Statt die Energiewende auszubremsen, reagierte die Regierung mit Reformen, die Erneuerbare stärker ins Netz integrieren. Erneuerbaren-Anlagen müssen seither dynamische Spannungshaltung leisten, eine Aufgabe, die früher konventionellen Kraftwerken vorbehalten war. Bis Mai 2026 lieferten bereits sechs Gigawatt Erneuerbare diesen Netzdienst.
Die Botschaft für den Rest Europas formuliert Rosslowe nüchtern: Man brauche keine spanische Sonne, um zu erreichen, was Spanien erreicht habe. Jedes Land könne seine eigenen Wind- und Solarressourcen besser nutzen, um die Abhängigkeit von teurem Gas zu senken. Die EU dagegen hat ihre fossilen Importe seit Kriegsbeginn erhöht und sich eine Energierechnung von 60 Milliarden Euro aufgeladen. Weniger als fünf Prozent davon flossen in Elektrifizierung, die einzige strukturelle Investition, die die Abhängigkeit dauerhaft senkt.
Reformen nach dem Blackout integrieren Erneuerbare stärker ins Netz. Foto: J. Montoya / Unsplash
## Steuersenkung und Speicher senken die Rechnung weiter
Zum Marktvorteil kam ein politischer Hebel. Befristete Steuersenkungen, die am 1. Juni 2026 ausliefen, nahmen weitere acht Euro von der typischen monatlichen Stromrechnung. Die Mehrwertsteuer auf Strom sank von 21 auf 10 Prozent, die spezielle Stromsteuer von 5,1 auf 0,5 Prozent. Beides zusammen entlastete Haushalte spürbar und wirkte zugleich als Anreiz zur Elektrifizierung, dem wichtigsten Hebel gegen die Importabhängigkeit, die in Spanien noch bei 71 Prozent liegt.
Künftig könnten die Rechnungen noch niedriger ausfallen. Seit dem Blackout läuft das Netz im teuren „verstärkten Modus", der Gaskraftwerke zur Stabilisierung bevorzugt. Reformen erleichtern es nun, Batteriespeicher an bestehende Erneuerbaren-Anlagen anzuschließen. Spaniens Großspeicher haben sich 2025 vervierfacht, eine Verdopplung wird für 2026 erwartet. Je mehr Speicher die Netzdienste übernehmen, desto kleiner wird die Rolle des Gases und sein Einfluss auf den Preis.
Rosslowes Fazit bündelt die Lehre für Europa. _„Der langfristige Ausbau von Wind und Solar zahlt sich aus und schirmt Verbraucher gegen volatile fossile Preise ab"_ , schreibt der Ember-Analyst. Die Elektrifizierung von Verkehr und Industrie sei die nächste große Chance, die gesamte Volkswirtschaft gegen künftige Preisschocks zu schützen.
Für die Energiewende-Debatte liefert Spanien damit einen seltenen Beleg in Echtzeit: Erneuerbare sind nicht nur das billigere, sondern auch das geopolitisch robustere Stromsystem. Wer Wind und Sonne konsequent ausbaut, kauft sich einen Schutzschild gegen die nächste fossile Preiskrise. Und dass es eine nächste geben wird, hält Ember in einer zunehmend unruhigen Welt für wahrscheinlich.
QUELLEN
1. Ember Renewables shield Spanish consumers from elevated gas prices
2. Euronews Spain's renewables revolution is paying off
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